Gebetsfahnen in Bhutan

Ein Beitrag von Maite Baumann

Als Reisender in Bhutan wird man schnell die verschiedenen Gebetsfahnen bemerken, die in verschiedenen Formen, Größen und Farben vorkommen. Gebetsfahnen (Dhar) sind eines der auffälligsten Merkmale im Königreich. Sie schmücken die Paßhöhen und Landschaften, Brücken und Berggipfel, wehen vor Klöstern, Tempeln und Dorfhäusern. Damit verleihen sie dem Ort nicht nur Schönheit und Lebendigkeit, sondern symbolisieren auch die starke Prägung durch den Buddhismus im Land.

Es heißt, daß sie aus der schamanistischen Bön-Tradition des alten Tibets stammen. In dieser Zeit nutzten die Menschen die Fahnen zum Schutz vor Göttern und Dämonen, sie malten Tiersymbole wie Schneelöwen, Drachen oder Tiger darauf und verwendeten die fünf Farben der fünf Elemente.

Gebetsfahnen wurden dazu verwendet, um die Natur zu beruhigen und die Segnungen der Götter anzurufen. Im Wind wehend tragen sie heute unsere Wünsche nach Frieden und Heilung, unsere Gebete für Harmonie und Mitgefühl um die ganze Welt. Egal aus welcher Richtung der Wind kommt, solange er die Fahne bewegt, wird ein Gebet, ein Wunsch ausgesandt.

Gebetsfahnen sind also rituelle Gegenstände und sollten mit größtem Respekt behandelt werden.

Herstellung von Gebetsfahnen

Anfänglich wurden Gebetsfahnen von Hand bemalt und mit Naturfarben gefärbt. Erst im 15.Jahrhundert mit der Nutzung von handgeschnitzten Holzdruckstöcken konnte man die Herstellung vereinfachen und die gefärbten Stoffe mit schwarzer Tinte bedrucken. Heute werden Gebetsfahnen unter Verwendung moderner Tinten, Druckverfahren und Materialien wie Polyester gefertigt.

Die Ränder der Fahnen werden absichtlich nicht umsäumt bzw. umgenäht. Das stellt sicher, daß die Fahnen mit der Zeit verfranzen und sich im Winde auflösen. Denn das Auflösen ist Symbol für die Vergänglichkeit allen Daseins.

Die mit glücksverheißenden und heiligen Symbolen, Mantras oder Gebeten geschaffenen Entwürfe werden von einer Generation an die nächste weitergereicht. Jede Art von Gebetsfahne hat eine ganz eigene Bedeutung und ihren eigenen Segen.

Bedeutung der Farben

Die Farben, die bei Gebetsfahnen verwendet werden, repräsentieren die fünf Elemente der Natur und Bhutaner glauben, daß es für Geist und Körper von Vorteil ist, diese fünf Elemente in guter Harmonie zu halten:

Weiß (Luft) – Glück und Reinigung des Karma durch Beseitigung von Negativem (Vajrasattva)
Blau (Himmel oder Raum) – Gesundheit und Langlebigkeit (Tsa La Nam Sum)
Rot (Feuer) – Wunscherfüllung (Sampa Lhundrup)
Gelb (Erde) – Sieg über Hindernisse (Gyaltsan Semo)
Grün (Wasser) – Mitgefühl (Lob an die 21 Taras)

Arten von Gebetsfahnen in Bhutan

Lung Dhar – quadratische oder rechteckige bunte Fahnen, die horizontal oder diagonal an einer Schnur aufgehängt werden. In der Mitte befindet sich ein Lung-ta (Windpferd), eine mystische Figur aus vor-buddhistischer Zeit. Lung Dhars sind in ganz Bhutan an Bergpässen, Brücken, rund um die Klöster oder Stupas zu finden.

Darchog – vertikale, hohe Flaggen, die in den Boden gesteckt werden. Sie wehen häufig in Berglandschaften und Wäldern. Dachog sind mit dem Dhvaja (Siegesbanner im Hinduismus) verwandt und trägt oftmals an der Spitze einen Zylinder aus Kupfer.

Lung Dhar und Darchog

Manidhar – hohe, weiße Gebetsflaggen, die senkrecht an Stangen befestigt sind. Sie werden zum Gedenken nach dem Tod einer Person aufgestellt und sind nur mit dem Mantra „Om Mani Padme Hum“ verziert.

Lhadhar sind die großen hohen vertikalen Flaggen ohne Text in Rot, Gelb oder  Blau. Sie werden an wichtigen Plätzen wie Klöstern und Palästen ausgestellt uns präsentieren den Sieg über die bösen Mächte. Meistens sind sie mit den vier mystischen Tieren Tiger, Schneelöwe, Drache und Garuda bedruckt. Besucher müssen sich beim Betreten dieser Orte formell kleiden.

Goendhar sind kleine, weiße Fahnen, verziert mit einem grünen, roten, gelben und blauen Band. Sie wehen vom Hausdach und verheißen Wohlergehen, Wohlstand und Harmonie für die Familie.

Gyeltshen Tsemo (Banner des Sieges) – zylindrischer bunter Banner mit den Tashi Tagye („Acht glückverheißende Zeichen“) verziert und Mantras bedruckt.

Diese großen Banner verkünden den Sieg über das Böse und werden bei rituellen und religiösen Ereignissen und bei den großen Tshechus (Festivals) eingesetzt. Oft hängen sie auch in Altarräumen von der Decke herab und kommen beim Nationalsport, dem Bogenschießen zum Einsatz, um nach dem Spiel den Sieg zu verkünden.

Manidhar und Gyeltshen Tsemo

Bevor man die heiligen Fahnen aufhängt, werden sie von einem Mönch gesegnet, begleitet von rituellen Zeremonien wie einem Räucheropfer.

Die beste Zeit neue Gebetsfahnen aufzustellen, sind astrologisch grünstige Termine wie die Tage nach dem tibetischen Neujahr oder rund um Buddhas Geburtstag („Saga Dawa“). Aber auch Vollmond und Neumond sind günstig. Im Allgemeinen sind Montag und Freitag gut sowie sonnige, windige Tage. Dann verstärkt sich die Wirkung der Gebetsfahnen um ein Vielfaches.

Symbole, Mantras und Sutras

Symbole
Auf Gebetsfahnen findet man Symbole und Embleme wie z.B. Lung-ta, das Windpferd. Es vereint die Geschwindigkeit des Windes mit der Stärke eines Pferdes, um die Wünsche von der Erde in den Himmel zu tragen. Auf seinem Rücken trägt Lung-ta die drei flammenden Juwele (Ratnas): den Buddha, den Dharma (buddhistische Lehre) und den Sangha (buddhistische Gemeinschaft) und ist umgeben von den vier Tieren der Himmelsrichtungen: weißer Tiger (Symbol für Vertrauen), Schneelöwe (steht für die furchtlose Freude), Garuda (Weisheit) und Drache, Symbol für die sanfte Macht.

Dazu kommen die 8 Glückssymbole – der Schirm (Schutz, Reichtum, Macht), Goldfische (Weisheit und aus Leiden befreit), Schatz-Vase (Erfüllung und Wohlstand), Lotus (Reinheit), rechtsdrehende Muschelschale (die Lehre des Buddha verbreiten), endlose Knoten (Verbindung), Siegeszeichen (Wissen, Glück, Sieg über die Unwissenheit und negative Einflüsse), das Rad des Lebens (das Drehen des Dharma) und der Vajra  – Symbol für die Unzerstörbarkeit.

Neben Lung-ta gibt es verschiedene Versionen von etwa 400 Mantras, die jeweils einer bestimmten Gottheit gewidmet sind.

Mantras
Mantras sind heilige Silben oder eine Reihe von Silben oder Klängen, denen die Fähigkeit zugeschrieben wird Körper und Geist positiv zu beeinflussen. Die ständige Wiederholung von Mantras vertreibt negative Energien und hilft Meditierenden sich zu konzentrieren. Das bekannteste Mantra ist das „Om Mani Padme Hume“ (Oh Du Juwel in der Lotusblume) und steht in Verbindung mit Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls.

Sutras
Sutras sind eine Reihe von kurzen, mittleren und langen Lehrtexten oder Versen, die aus mündlichen Überlieferungen stammen und die Lehre Buddhas (Dharma) verkörpern. Erst viel später wurden die Texte niedergeschrieben, diskutiert und gedeutet. Das führte zur Gründung der drei Glaubensrichtungen im Buddhismus und jede Schule (Orden) hat seine eigenen Sutras. Gebetsfahnen werden meist mit mittleren und kurzen Sutras bedruckt.

Bittgebete
Sie beinhalten gute Wünsche und Bestrebungen, die von Meistern wie z.B. Guru Rinpoche oder Milarepa verfaßt wurden.

Warum hängen Bhutaner Gebetsfahnen auf?

Bhutaner glauben, daß die Gebete und Mantras himmelwärts getragen werden als Gabe an ihre Gottheiten und daß sie Frieden, Glückseligkeit, Harmonie und Weisheit bringen – zu allen Menschen und deren Familien, die die Fahnen aufhängen.

Wer also während einer Reise durch Bhutan eine Gebetsfahne aufhängt, sollte die selbstlosen Beweggründe im Hinterkopf behalten: daß alle Lebewesen mit Frieden und Glück erfüllt werden.